Evangelikal oder Mystisch?

Evangelikal oder Mystisch?

Wo kann ich Gott finden? In der Bibel und im evangelikalen Christentum, oder doch eher im Stillen und in der Kontemplation?

Sonntag, 9. Dezember 2018

Inzwischen hat mir ein „John“ von gottkennen.de auf meine Mail geantwortet, in der ich die obigen Punkte dargelegt hatte. Seine Antwort geht in die Richtung, dass Gott Liebe ist und nicht straft, und dass der Begriff „Ewigkeit“ früher eine andere Bedeutung hatte als heute, womit es dann in der Tat keine „ewige“ Hölle gäbe. – Wie auch immer, im Grunde ist diese ganze evangelikale Theologie eher nichts für mich. Die offen nach außen getragene Begeisterung der „Wiedergeborenen“ für Jesus und für Gott ist zwar auf der einen Seite beeindruckend, andererseits kann ich dies – für mich zumindest – bisher nicht wirklich nachvollziehen. Bei mir liegt die Beziehung zu Gott anscheinend auf einer anderen Ebene als auf der kognitiven oder der emotionalen, d.h. es sprechen mich weder die Geschichten über Gott aus der Bibel an, noch bin ich ob seiner Größe und Güte irgendie „ergriffen“. Bei mir ist es eher eine undefinierbare Sehnsucht nach … keine Ahnung … hier versagen sämtliche Beschreibungsversuche, weil das alles falsch wäre. Mir widerstrebt es auch, Gott in menschliche Kategorien einzuordnen, ihn z.B. als „großen Herrscher“, als „allmächtig“, „gütig“, „barmherzig“ oder „zornig“ zu sehen, was ja typisch menschliche Bilder sind. Solche Vorstellungen führen am Eigentlichen vorbei und führen darüberhinaus zu unnötigen Verständnisproblemen (siehe z.B. das „Theodizeeproblem“). Gott geht über alles hinaus, was sich Menschen vorstellen können – er ist also transzendent.

Somit wären wir also wieder bei den mystischen Wegen gelandet, die in allen Religionen existieren. Ich habe mich einige Zeit mit diversen nichtgegenständlichen Meditationsformen aus anderen religiösen Traditionen befasst, vor allem mit dem Zen, jedoch habe ich hierzu nie wirklich einen Zugang für mich finden können. Beim Zen ist man mehr oder weniger auf sich selbst gestellt; es gibt kein „Gegenüber“, weil ICH ja alles BIN, was es nur noch zu erkennen gilt. Bei der christlichen Meditation gibt es dagegen immer ein Gegenüber – ein „Du“, an das man sich wenden kann, und dies ist halt Gott oder Jesus Christus. Zwar lässt man auch hier während der Meditation (bzw. Kontemplation) alle Konzepte fallen, jedoch kann es – um dies zu erreichen – helfen, alles, was einen belastet und davon abhalten könnte, sich Gott zu nähern oder ihn zu sich kommen zu lassen, an ihn abzugeben und darauf zu vertrauen, dass er alle irdischen Belange für mich regelt und es meine einzige Aufgabe ist, die Beziehung zu ihm zu suchen und ihn in mein Leben zu lassen.

In der katholischen Pfarrei hier am Ort findet jeden Freitag Abend ein „Sitzen in der Stille“ statt, bei dem sich Laien für 1½ Stunden zur gemeinsamen Kontemplation zusammenfinden. Vor etwa 13 Jahren (2005) habe ich einige Male daran teilgenommen. Die dort praktizierte Richtung der Kontemplation entspricht dem von Willigis Jäger begründeten Weg namens „Wolke des Nichtwissens“, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Schrift „Wolke des Nichtwissens“ eines unbekannten Autors (vermutlich Kapuzinermönch) vom Ende des 14 Jahrhunderts. Zugleich ist Willigis Jäger auch Zen-Meister der Sanbo-Kyodan-Schule (1996 hatte ich mal an einem mehrtägigen Sesshin bei ihm teilgenommen, und danach an weiteren bei anderen Zen-Lehrern). Wie beim Zen gibt es auch bei der Kontemplation gemäß der „Wolke des Nichtwissens“ kein persönliches Gegenüber, keinen Gott. Da mich die Annahme der Abwesenheit eines Gegenübers bisher allerdings nicht weitergebracht hat, scheint die Kontemplationsrichtung „Wolke des Nichtwissens“ nicht der richtige Zugang für mich zu sein. Es existieren jedoch durchaus andere Wege, etwa die „kontemplativen Exerzitien“ nach Franz Jalics, der den sogenannten „Grieser Weg“ begründet hat, eine zeitgemäße Weiterentwicklung der Ignatianischen Exerzitien (so benannt nach Ignatius von Loyola, 1491-1556), die innerhalb der Kirchen eine jahrhundertelange Tradition darstellen. Hierbei wird – sozusagen als „Mantra“ – das Jesusgebet, auch Herzensgebet genannt, praktiziert.

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