Zu spät? Zeitfenster verpasst?

Zu spät? Zeitfenster verpasst?

Es heißt, Gott gibt jedem Menschen ein „Zeitfenster“, um zu ihm umzukehren; danach wird das Herz dieses Menschen für immer verstockt sein. Wie kann ich sicher sein, dieses Zeitfenster nicht verpasst zu haben?

Montag, 23. September 2019

Am 23.09.2019 sah ich zufällig auf ANIXE+ in der Sendung „Arche TV Fernsehkanzel“ eine Predigt von Pastor Wolfgang Wegert zum Thema „Jetzt ist die angenehme Zeit“. Darin sagt er unter anderem:

Wer weiß, ob du noch einmal Gottes Stimme hören wirst. Es geht nicht nur um die Frage, ob du möglicherweise bald sterben musst. […] Selbst wenn du 100 Jahre alt werden solltest, kann es sein, dass du heute das letzte Mal Gottes Stimme gehört hast, weil dein Herz danach verstockt sein wird. Gott ist nicht in der Verpflichtung, sich dir zu offenbaren, wann du es willst. Er gibt dir ein Zeitfenster in deinem Leben. Er gibt dir ein bestimmtes „Heute“, eine Zeit der Gnade. Die läuft nicht unbedingt erst ab, wenn du stirbst, sondern die kann auch ablaufen schon lange zu deiner Lebenszeit.

Es gibt ein erschütterndes Wort in der Bibel über Esau, das lautet in Hebräer 12,17: „Er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.“ Offensichtlich wollte er sich noch bekehren, aber Gott gab ihm kein Herz mehr zur Buße. Er hatte sein „Heute“ verpasst und die angenehme Zeit der Gnade versäumt, und sie kam nie wieder. Die Linsensuppe war ihm wichtiger, und er fand nie mehr im Leben Raum zur Buße.

Ich finde die Worte, die Paulus hier bringt, unglaublich ernst. Der Prophet Jesaja sagt deshalb (Jesaja 55,6): „Suchet den Herrn, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist!“ – und das ist jetzt! Gott ist dir jetzt nahe! Er spricht zu dir durch sein Wort, und dein Herz ist bewegt und berührt, und das bedeutet: Jetzt ist die angenehme Zeit. Heute ist der Tag des Heils. Heute! Das Gestern ist vorbei, und was morgen ist, weißt du nicht; nur das Heute gehört dir. Darum rufe jetzt deinen Heiland an! Rufe Jesus an! Suche ihn, solange er zu dir redet! – Ich bitte dich darum.

Auch in einem Buch, das ich gerade lese (Waldemar Sardacuk: Christ sein? Ja, aber bitte biblisch!), heißt es auf Seite 102:

Es gibt ein Verstockungsgericht! Die Bibel sagt, dass wir den Herrn rufen sollen, solange er nahe ist, und zu Zeiten, wenn er uns sein Heil anbietet. Es gibt ein „zu spät“ für das Seelenheil.

Und auch Hiob 33,29-30 scheint auch darauf hinzudeuten, dass das Reden Gottes irgendwann einmal aufhört und es dann zu spät ist:

Siehe, dies alles tut Gott zwei- oder dreimal mit dem Menschen, um seine Seele vom Verderben zurückzuholen, damit sie erleuchtet werde mit dem Licht der Lebendigen.

Hiob 33,29-30 (Schlachter 2000)

Die Sache mit der Erwählung

Ist es vielleicht so, dass einige Menschen einfach von Gott dazu „erwählt“ sind, in sein Reich zu kommen, und andere eben nicht? Dies kommt zumindest in folgendem Gleichnis Jesu zum Ausdruck:

»Mit Gottes himmlischem Reich ist es wie mit einem König, der für seinen Sohn ein großes Hochzeitsfest vorbereitete. Viele wurden zu der Feier eingeladen. Als alles fertig war, schickte der König seine Diener, um die Gäste zum Fest zu bitten. Aber keiner wollte kommen. Da schickte er andere Diener und ließ den Eingeladenen nochmals ausrichten: ›Es ist alles fertig, die Ochsen und Mastkälber sind geschlachtet. Das Fest kann beginnen. Kommt doch zur Hochzeit!‹ Aber den geladenen Gästen war das gleichgültig. Sie gingen weiter ihrer Arbeit nach. Der eine hatte auf dem Feld zu tun, der andere im Geschäft. Einige wurden sogar handgreiflich, misshandelten und töteten die Diener des Königs. Da wurde der König sehr zornig. Er sandte seine Truppen aus, ließ die Mörder umbringen und ihre Stadt in Brand stecken. Dann sagte er zu seinen Dienern: ›Die Hochzeitsfeier ist vorbereitet, aber die geladenen Gäste waren es nicht wert, an diesem Fest teilzunehmen. Geht jetzt auf die Landstraßen und ladet alle ein, die euch über den Weg laufen!‹ Das taten die Boten und brachten alle mit, die sie fanden: böse und gute Menschen. So füllte sich der Festsaal mit Gästen. Als der König kam, um die Gäste zu sehen, bemerkte er einen Mann, der nicht festlich angezogen war. ›Mein Freund, wie bist du hier ohne Festgewand hereingekommen?‹, fragte er ihn. Darauf konnte der Mann nichts antworten. Da befahl der König seinen Knechten: ›Fesselt ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die tiefste Finsternis, wo es nur noch Heulen und ohnmächtiges Jammern gibt!‹ Denn viele sind eingeladen, aber nur wenige sind auserwählt.«

Matthäus 22,2-14 (HFA)

Ich deute dieses Gleichnis so: Die erste Einladung, zu Gott umzukehren, erging durch die Propheten an das Volk Israel, aber niemand folgte ihr. Dann kam als nächstes Jesus, und zwar zunächst nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matthäus 15,24), um sie ebenfalls einzuladen, zu Gott umzukehren, doch auch sie lehnten ab und wollten Jesus sogar umbringen. Schließlich wandte sich Jesus an die „Nationen“ (d.h. alle Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören), um auch sie ins Reich Gottes einzuladen – diese Einladung gilt auch heute noch allen Menschen, die das Evangelium hören. Aber scheinbar ist nicht jeder, der der Einladung folgt (der also das Evangelium hört und sich daraufhin bekehrt), auch „zutrittsberechtigt“, sondern nur, wer von Gott dazu von vorn herein berufen bzw. auserwählt wurde. In dem Gleichnis konnte der Mann ohne Festgewand nicht sagen, wie er in den Festsaal gelangt war. Er war ja einfach nur der Einladung gefolgt, die scheinbar auch ihm galt, und es hatte ihn ja auch niemand daran gehindert, den Festsaal zu betreten. Er war sich also keiner Schuld bewusst und handelte nach bestem Wissen und Gewissen. Trotzdem wurde er hinausgeworfen und sogar noch dafür bestraft, dass er sich unerlaubt Zutritt verschafft hatte. Warum? War er nicht gut genug vorbereitet gewesen (Kleiderordnung)? Hatte er zu lange gezögert? War er vielleicht einer Derjenigen, die schon mehrfach eingeladen worden waren und immer wieder abgelehnt hatten, der es sich dann doch noch anders überlegt hatte, aber da war es schon zu spät, sein Herz war verstockt, so wie bei Esau (Hebräer 12,17: „Er fand keinen Raum zur Buße, obwohl er sie mit Tränen suchte.“)? Hatte er sich in falscher Sicherheit gewiegt?

Heilsgewissheit (subjektiv) vs. Heilssicherheit (objektiv)

Das hat in mir nun die Frage aufgeworfen: Wie kann ich mir sicher sein, dieses Zeitfenster, von dem hier die Rede ist, trotz Bekehrung nicht doch schon verpasst zu haben? War meine Bekehrung „echt“ und ist sie vor Gott „gültig“? Bin ich wirklich „wiedergeboren“, oder rede ich mir das vielleicht nur ein, weil ich es gerne hätte? Meine Bekehrung vor 10 Monaten war aus meiner Sicht wirklich ernst gemeint, aber wie steht Gott dazu? Ich habe zwar für mich angenommen, dass ich ohne Jesus verloren bin und dass er mein Herr und Retter und meine ganze Hoffnung ist, und dass ich durch ihn die Vergebung meiner Sünden (Sünde = Zielverfehlung) erlangt habe, allerdings scheint mir so eine richtige Sündenerkenntnis und die Erkenntnis meiner abgrundtiefen Verlorenheit vor Gott noch zu fehlen; das sind für mich bisher hauptsächlich gelernte Konzepte, aber keine wirklich tief empfundenen Wahrheiten. Ich bete immer wieder um eine solche Erkenntnis, da ich irgendwie ahne, dass dies enorm wichtig ist, um die ganze Tragweite des Evangeliums überhaupt erfassen und die Erlösungstat Jesu für sich persönlich im vollen Umfang dankbar annehmen zu können. Obwohl ich meine, Zeichen von Gott zu erhalten, ist das schmerzliche Gefühl des Getrenntseins von ihm weiterhin vorhanden – und das, obwohl es ja heißt, dass Jesus diese Kluft ein für allemal für uns überwunden hat und wir das ja nur noch anzunehmen brauchen. Dennoch ist meine Sehnsucht nach Gott weiterhin ungestillt, meine „Suche“ somit ist noch nicht an ihr Ziel gekommen. Bei den Christen, die ich bisher kennengelernt habe, scheint das anders zu sein – ihre Suche scheint zu Ende zu sein, sie scheinen gefunden zu haben, was sie suchten und sind glücklich und froh darüber. Sie scheinen etwas zu haben, das mir (noch) fehlt. Oder vielleicht sprechen sie auch nur nicht darüber.

Nachtrag vom Samstag, 9. November 2019

In seiner gestrigen Predigt ging Pastor Andreas Hardt von der Agape-Gemeinschaft München auf den oben zitierten Abschnitt „Matthäus 22,2-14“ ein. Den Rauswurf des nicht festlich genug gekleideten Hochzeitsgastes erklärte er damit, dass man sich Gott aufgrund seiner Heiligkeit eben nicht gänzlich unvorbereitet und „mal so nebenbei“ nahen könne, sondern dass man alle Schritte gehen müsse, einschließlich dem, sich durch die Annahme der Vergebung seiner Schuld durch Jesus „reinwaschen“ zu lassen. Das klingt nachvollziehbar, erklärt aber m.E. nicht den Terminus „auserwählt“, denn dieser impliziert ja eine schon vorab gefasste Absicht.

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